Tarifrunde 2013: Pressegespräch mit METALL NRW-Präsident

Tarifrunde 2013: Pressegespräch mit Präsident Horst-Werner Maier-Hunke
Tarifrunde 2013: Pressegespräch mit Präsident Horst-Werner Maier-Hunke

Positionen zur Tarifrunde 2013 - Statement von METALL NRW-Präsident und Verhandlungsführer Horst-Werner Maier-Hunke 

- Das Statement als PDF -
Meine Damen und Herren,
ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu unserem Pressegespräch in unserem Hause.
Wie Sie wissen, hat die IG Metall den Tarifvertrag über Entgelte und Ausbildungsvergütungen gekündigt und uns ihre Forderung für das Tarifgebiet Nordrhein-Westfalen übermittelt.
Die Gewerkschaft will eine Erhöhung der Entgelte und Ausbildungsvergütungen um 5,5 Prozent durchsetzen.
Ich halte diese Forderung eindeutig für zu hoch.

  • Sie ist unvernünftig, weil sie Erwartungen bei den Beschäftigten weckt, die wir 2013 bei weitem nicht erfüllen können.
  • Sie verträgt sich nicht mit der Konjunktur, weil sie in keinem Verhältnis zur tatsächlichen wirtschaftlichen Lage steht.
  • Sie ist nicht nachvollziehbar, weil sie die bereits feststehende Arbeitskosten-Belastung der Unternehmen im Kalenderjahr 2013 nicht berücksichtigt.
  • Sie ist realitätsfern, weil sie der völlig unterschiedlichen Lage innerhalb der Branchen der Metall- und Elektroindustrie in keiner Weise Rechnung trägt.

Deshalb können wir diese Forderung nur als überhöht und unangemessen zurückweisen.
Ich möchte dies kurz begründen:
Wir wissen, dass die Produktion in der Metall- und Elektroindustrie im Jahr 2012 leicht geschrumpft ist. Auch für 2013 ist allenfalls nur ein marginales Wachstum von 0,5 Prozent zu erwarten. Das ist ein laues Auf ohne Schwung!
Die Gründe liegen auf der Hand:

  • Die europäische Schuldenkrise und die Ungewissheit über die weitere Entwicklung des Euro sind noch nicht vorbei.
  • Die rückläufigen Investitionen in Maschinen und Ausrüstungen vornehmlich in Europa haben die Nachfrage nach deutschen M+E-Erzeugnissen deutlich geschmälert.

Beides zusammen genommen ist für eine Industrie hochgradig problematisch, deren Produktion zu einem Drittel ins europäische Ausland geht.
Ungeachtet der erfreulich stabilen Lage auf den Wachstumsmärkten dieser Welt ist die Schwäche Europas ein erheblicher Klotz am Bein der deutschen M+E-Industrie. Sorge macht mir vor allem die Lage der Automobilindustrie in NRW, die bekanntlich stark auf den europäischen Markt ausgerichtet ist:
Im Januar 2013 lag die Produktion dieser Branche um gut 20 Prozent unter dem Vorjahresmonat.  Wir sprechen hier von einem Wirtschaftszweig, in dem an Rhein und Ruhr fast 84.000 Mitarbeiter beschäftigt sind.
Zur Wahrheit des Jahres 2013 gehört auch, dass die Tarifentgelte mittlerweile 14 Prozent über dem Vorkrisenniveau liegen. Die M+E-Produktion in Nordrhein-Westfalen dagegen liegt mit einem Minus von 7,7 Prozent deutlich unter diesem Wert.  Diese Schere gilt es zu schließen. Und das geht nur mit einem vernünftigen Tarifabschluss, mit dem die Produktion wieder an die Dynamik der Verdienste Anschluss finden kann.

Mit Blick auf die morgen beginnende Tarifrunde 2013 ist mir ein Aspekt besonders wichtig: Der Tarifabschluss 2012 war mit einer Tabellenerhöhung von 4,3 Prozent nicht nur der höchste Abschluss seit 20 Jahren. Er bewirkt für das Jahr 2013 auch eine kräftige Vorbelastung.

  • Zum einen schlagen die Tariferhöhungen des Vorjahres in allen Unternehmen in den Monaten Januar bis April kräftig ins Kontor. Auf das Kalenderjahr 2013 hochgerechnet ist dies bereits jetzt ein Paket von knapp 1,3 Prozent – ein im Vergleich zu früheren Tarifrunden besonders schwerer Rucksack!
  • Zum anderen werden die Betriebe, die Zeitarbeiter beschäftigen, seit November 2012 mit Zuschlägen belegt. Sie steigen bekanntlich schrittweise und erreichen im August 2013 den Höchststand von 50 Prozent – vorausgesetzt, ein Unternehmen beschäftigt Zeitarbeiter neun Monate und länger. Dies ist für die Betriebe zusätzliches Marschgepäck!

Meine Damen und Herren,
vor diesem Hintergrund würde auch nur eine annähernde Umsetzung dieser Forderung von 5,5 Prozent unsere Unternehmen schlichtweg überlasten.
Eine Forderung, die zehnmal so groß ist wie das Wachstum unserer Branche, passt nicht in die Landschaft.  Sie wissen so gut wie ich, dass Forderung und Abschluss nicht identisch sind. Wenn die IG Metall aber schon ankündigt, einen Abschluss dicht an der Forderung anzustreben, dann kann ich nur sagen: Die Gewerkschaft überzieht!

Was mich ebenfalls beschäftigt ist der Eindruck, dass Worte und Taten der IG Metall offensichtlich keine große Schnittmenge haben:

  • Dabei ist es richtig, wenn die Gewerkschaft sagt, dass Tarifpolitik überfordert wäre, müsste sie für den Abbau europäischer Ungleichgewichte sorgen.
  • Dabei ist es richtig, wenn die Gewerkschaft ausdrücklich anerkennt, dass eine stabile Beschäftigungsentwicklung Voraussetzung für eine robuste Binnennachfrage ist.
  • Dabei ist es richtig, wenn die Gewerkschaft ebenso wie wir sieht, dass es eine große Streuung der Branchen- und Firmenkonjunkturen gibt.
  • Dabei ist es auch richtig, wenn die Gewerkschaft unsere Einschätzung bestätigt, dass in den letzten Jahren die Ausschläge von Konjunkturschwankungen immer heftiger, gleichzeitig Konjunkturzyklen immer kürzer werden und damit die Unsicherheit in der Wirtschaft zunimmt.

Diese Sätze stammen von namhaften Vertretern der IG Metall. Ich kann sie allesamt unterschreiben. Doch wenn diese Analyse zutrifft, dann ist eine Forderung von 5,5 Prozent als Antwort auf diese Erkenntnis doch wohl erst recht fehl am Platz. Noch weniger kann ich vor diesem Hintergrund Ankündigungen der IG Metall aus dem Südwesten verstehen.
Sie erteilt längeren Laufzeiten und der Notwendigkeit nach weiterer Flexibilisierung und Differenzierung bereits eine Absage, bevor die 1. Tarifverhandlung auch nur stattgefunden hat. Ich habe ein wenig den Eindruck, die Gewerkschaft betreibt auf Kosten der Betriebe eine Kakophonie. Dies allerdings ist dem Klima in der Tarifrunde 2013 nicht gerade zuträglich ist.
Die IG Metall in Nordrhein-Westfalen weiß, dass die Metallarbeitgeber in NRW für eine verlässliche und faire Tarifpolitik stehen.
Dies zeigen wir seit vielen Jahren:

  • Wenn wir im Abschwung sind, stehen wir für eine verantwortungsvolle Personalpolitik, wenn vor allem Beschäftigungssicherung im Vordergrund ist.
  • Wir stehen dann aber auch für eine einkommenssichernde Tarifpolitik, damit unsere Mitarbeiter zumindest Planungssicherheit spüren.

Beides haben wir – gerade hier in NRW – mit dem Abschluss 2010 bewiesen.

  • Wenn wir im Aufschwung sind, stehen wir für einen verlässlichen Anstieg der Realeinkommen, der die Kaufkraft unserer Mitarbeiter nennenswert erhöht.
  • Dies haben wir nicht nur in der Tarifrunde 2012, sondern auch in den Tarifrunden 2007 und 2008 bewiesen, als jeweils eine „Vier“ vor dem Komma stand.

Irgendwann aber wird es schwer, beschäftigungsfreundliche Personalpolitik einerseits und spürbare Reallohnzuwächse andererseits immer wieder in Einklang zu bringen. Übrigens reden wir hier über Durchschnittseinkommen von jährlich etwa 45.000 Euro in der Metall- und Elektroindustrie in NRW. Und wir sprechen über Vergütungen allein für Ungelernte von monatlich mehr als 2.000 Euro bereits in der Entgeltstufe 1.
Die deutsche Metall- und Elektroindustrie ist im weltweiten Vergleich unbestritten eine absolute Hochlohnbranche. Sie erreicht inzwischen ein Niveau, das sich immer schwerer im harten internationalen Wettbewerb verdienen lässt. Ich kann die IG Metall deshalb nur davor warnen, unsere Unternehmen in den Tarifrunden Jahr für Jahr immer wieder an die Grenzen ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zu treiben.
Anders ausgedrückt: Es ist eine Schraube, die sich nicht beliebig jedes Jahr aufs Neue bis zum Anschlag weiterdrehen lässt. Andernfalls kann es zu spürbaren Beeinträchtigungen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und zu einer massiven Gefährdung von Arbeitsplätzen kommen. Und das kann auch die Gewerkschaft nicht wollen.
Meine Damen und Herren,
auch mit der Begründung ihrer Forderung schießt die IG Metall weit über das Ziel hinaus.

  • Sie setzt mit 1,5 Prozent einen gesamtwirtschaftlichen  Produktivitätsfortschritt an, der weit entfernt ist von jenem Datum, das der Sachverständigenrat mit 0,6 Prozent für 2013 erwartet.
  • Sie unterstellt eine Teuerungsrate von 2 Prozent im Jahresdurchschnitt 2013, obwohl die Entwicklung der Inflation seit Monaten rückläufig ist. Derzeit liegt sie bei 1,5 Prozent, ich rechne in den nächsten Monaten mit Raten von höchstens 1,3 Prozent.
  • Sie verlangt in Nordrhein-Westfalen zur Stimmulierung der Binnenkaufkraft eine „Robin-Hood-Komponente“, für die sie weitere 2 Prozent ansetzt.

Egal, ob die IG Metall versucht, mit umstrittenen volkswirtschaftlichen Parametern wie der allgemeinen Teuerungsrate vermeintlich hieb- und stichfeste Begründungen für Ihre Forderungen zu schaffen.
Egal, ob sie unter dem Deckmantel der sozialen Gerechtigkeit schlichte Umverteilungspolitik durchsetzen will. Unter dem Strich argumentiert sie mit viel heißer Luft. Oder um es mit den Worten eines Journalisten der Süddeutschen Zeitung auszudrücken: Die 5,5 Prozent seien – so wörtlich – „teilweise nach dem Prinzip Pi mal Daumen ermittelt, das geben die Gewerkschafter sogar zu“.

Meine Damen und Herren,
ich bin jetzt schon einige Jahre dabei, daher erlauben Sie mir an dieser Stelle einen kurzen Blick in den Rückspiegel:
Dass das Prinzip „Pi mal Daumen“ bei der IG Metall auf dem Vormarsch ist, bereitet mir ernsthafte Sorgen:

  • Ob Gerechtigkeits- oder Umverteilungskomponente,
  • ob Nachholbedarf oder Konjunkturzuschlag,
  • ob Erwartungshaltung der Beschäftigten oder Stärkung der Binnennachfrage,
  • oder ob jetzt aktuell die Robin-Hood-Komponente,

welchen Namen auch immer die Gewerkschaft diesem Kind gibt: Es wird immer größer! Der Anteil dieser Komponente an der Gesamtforderung lag 2004 noch bei 18 Prozent. Im letzten Jahr machte er bereits 54 Prozent aus. Für die kommende Tarifrunde sieht es nicht viel besser aus. Mit 36 Prozent ist immer noch ein gutes Drittel der Forderung aus der Luft gegriffen. Das ist „Pi mal Daumen“ in Reinkultur.

Was ist uns Arbeitgebern wichtig?
Oberster Maßstab für uns ist ein Abschluss, der verlässlich und fair für Unternehmen und Beschäftigte ist.

  • Ein Abschluss, der unseren Unternehmen Luft zum Atmen gibt, ihnen eine Verschnaufpause gewährt und Spielraum für notwendige Investitionen lässt.
  • Ein Abschluss, der unseren Mitarbeitern einen fairen Anteil an der zwar noch stabilen, aber alles andere als boomenden Entwicklung unserer Metall- und Elektroindustrie gibt.

Deshalb halte ich nichts davon, den tarifpolitischen Werkzeugkasten bereits als ungeöffnet zu erklären, bevor sich die Tarifparteien auch nur zum ersten Mal gegenüber gesessen haben. Ebensowenig halte ich davon, bereits im Vorfeld über Zahlen zu spekulieren. Dies hat sich nie als klug erwiesen. Zahlen werden am Verhandlungstisch ausgetauscht, und zwar dann, wenn die Zeit dafür reif ist – nicht aber über die Medien. Deshalb werde ich mich an diesen Spekulationen nicht beteiligen. Es kommt vielmehr darauf an, dass wir unsere gesamte Kreativität in die Waagschale werfen, um gemeinsam einen vernünftigen und angemessenen Tarifabschluss zu vereinbaren.
Eine starre Einheitslösung verbietet sich ebenso wie eine Orientierung ausschließlich an den prosperierenden Unternehmen:
Die IG Metall muss eines wissen: Mit einem BMW-Tarifvertrag in der Fläche fliegen in NRW viele Unternehmen aus der Kurve! Metallarbeitgeberverbände und IG Metall haben im zurückliegenden Jahrzehnt nicht nur viel für die Reputation des Flächentarifs getan.  Sie haben auch entscheidend dazu beigetragen, dass die Metall- und Elektroindustrie – anders als überall sonst in Europa – das Herz der deutschen Wirtschaft geblieben ist.

Ich fordere die IG Metall auf, sich auf das gemeinsam Erreichte der vergangenen Jahre zu besinnen und von einer wirklichkeitsfremden Tarifpolitik Abstand zu nehmen.

Vielen Dank!